Du bist dein schlimmster Chef – Selbstausbeutung

Nachdem es in den letzten Artikeln etwas trockener zugegangen ist, möchte ich jetzt über einen etwas spannenderen Aspekt der Freiberuflichkeit schreiben: Disziplin und Selbstausbeutung.

„Ist das nicht schwer mit der Selbstdisziplin?“

Bevor ich mich in die Selbstständigkeit gewagt habe, aber den Leuten bereits davon erzählt habe, haben viele folgenden Satz gesagt: „Ist das nicht schwer mit der Selbstdisziplin?“ Ich habe mir damals gedacht: „Hä? Warum denn? Es ist genau das was ich will, warum sollte ich zu Hause irgendeinen Quatsch machen und mich mit irgendeinem Blödsinn ablenken, als zu arbeiten? Freiberuflich, einer meiner Lebensträume!“ Wenn Design dein Ding ist und du kein bock mehr aufs Agenturleben hast, oder generell auf das ganze System der Festanstellung,- wenn du einen anderen Biorhythmus hast und nicht um 9 Uhr topfit im Büro stehen kannst, dann wirst du doch hinkriegen, zu Hause den coolsten Job der Welt zu machen oder?

Selbstausbeutung ist eher ein Problem

Nachdem ich jetzt knapp ein halbes Jahr dabei bin, bestätigt sich mein erster Gedanke. Ich habe weniger Probleme damit Disziplin ZUM Arbeiten zu haben, als dass ich mich eher vor Selbstausbeutung schützen muss.  Das klingt im ersten Moment lächerlich, aber du wirst vermutlich zu deinem eigenen Sklaventreiber, wenn du nicht aufpasst. Es ist ziemlich verlockend bis spät abends zu arbeiten, oder das ganze Wochenende durchzuarbeiten, besonders am Wochenende und wenn du ab jetzt immer direkt Geld für deine geleistete Zeit bekommst, anstatt einmal ein fixes Gehalt am Ende des Monats. Je mehr du arbeitest, desto mehr Geld bekommst du als Freelancer. Aber das kann ernsthaft zum Problem werden und der Burnout ist nicht weit. Du fängst an dich selbst auszubeuten und auf lange Sicht rennst du in eine Falle. Vielleicht hast du viel Geld, aber kein Leben und keine Energie mehr und kannst vielleicht irgendwann gar nicht mehr arbeiten.

„Wer von seinem Tag nicht zwei Drittel für sich selbst hat, ist ein Sklave.“ – Friedrich Nietzsche


Hier mein Rat: Geh ab und zu mal raus und unter Leute (auch wichtig, damit du dich nicht isolierst und deine sozialen Fähigkeiten verkümmern). Gib dir selbst feste Arbeitszeiten und arbeite nicht kurz vor dem Schlafengehen. Eine feste Routine, ist vielleicht das was dich an deinem festen Job angekotzt hat, aber die ist leider nötig, damit du produktiv bist und nicht zu viel oder zu wenig arbeitest. Du hast jetzt den großen Vorteil, dass du dir deine eigene Routine ausdenken kannst. Erst um 11 anfangen zu arbeiten und um 20 Uhr aufhören? Kein Problem! Montags frei machen und dafür Samstags arbeiten? Auch kein Ding. Mitten am tag ins Fitnessstudio gehen? Nur zu!

Du bekommst jetzt die Lorbeeren

Dante Alighieri mit Lorbeerkranz, Portrait von Sandro Botticelli, 1495

Dante Alighieri mit Lorbeerkranz, Portrait von Sandro Botticelli, 1495

Ich denke viele Designer haben ihr Hobby zum Beruf gemacht und die Festanstellung hat ein bisschen dieses leidenschaftliche Hobbyfeeling gekillt. Du bekommst es als Selbstständiger zwar nicht ganz wieder, aber es fühlt sich oftmals fast wieder so an. Denn ab jetzt gestaltest du wieder für dich selbst. Alles was du gestaltest kannst du als Aushängeschild für DICH benutzen. Der Kunde lobt DICH und nicht die Agentur. Nein, ab jetzt bist du deine eigene Agentur. Was ist wohl geiler, als das Gefühl als Dienstleister Kunden zu haben, die DEINE Arbeit wollen, wegen DIR und deinen Fähigkeiten und nicht weil du zufällig, wie Inventar in einer Firma sitzt, die ganz gute Kontakte zum Kunden hat?

Und wenn die Disziplin doch mal einbricht?

Die einzigen Dinge die einen tatsächlich mal demotivieren können und vielleicht auch die Disziplin ein wenig runterreißen, sind ätzende Aufträge und/oder nervige Kunden (soll es tatsächlich geben). Keiner von uns wird daran vorbeikommen, aber auch das ist wichtig, damit man einen guten Auftrag und Kunden wieder zu schätzen weißt. Ich hab mich auch schon mal vor dem Abarbeiten eines Auftrages gedrückt, indem ich mein MacBook lieber mit Steam Games gequält habe, anstatt zu arbeiten. Hier gilt aber natürlich die alte Regel: Bring’s hinter dich und schau nach vorn. Häng dir vielleicht die vereinbarte Summe, die du für den Auftrag bekommst über deinen Rechner, um dich anzuspornen. Der nächste fancy Auftrag kommt sowieso bestimmt bald und dann weißt du wieder wofür du den ganzen Kram eigentlich machst.

Als Freelancer bestimmst du einfach wieder ein bisschen mehr über dein Leben und die Disziplin kommt von allein und wenn du glaubst, dass du keine Disziplin aufbringen kannst, dann bist du vermutlich noch nicht so weit, um Freiberufler zu werden und musst noch ein wenig in der Agentur geknechtet werden 😉

Falls du noch irgendwelche Fragen hast: mail@chrislueders.de

Liebe Grüße,
Chris

 

Chris

UX Design Freelancer aus Berlin. Nie müde Projekte und Experimente nebenher zu betreiben. Ehemann, Vater und überzeugter Pflanzenfresser.