Freelancer werden | Die Übergangszeit

Nachdem ich im letzten Artikel grob die verschiedenen Ängste angesprochen habe, die ich hatte bevor ich mich ins Freelancer-Leben gestürzt habe, möchte ich auf eine Sorge besonders eingehen: Die Übergangszeit von Festanstellung zur Freiberuflichkeit. Wie soll das laufen? Man kündigt seine Festanstellung, arbeitet dann noch bis zum Ende der Kündigungsfrist und startet danach einfach mit seiner neuen Karriere als Freelancer? Ohne Rücklagen? Ohne Kunden? Wie soll das gehen?

Keine Rücklagen? Keine Kunden? Wie fange ich an?

Über genau diese Fragen habe ich mir lange Gedanken gemacht, bevor ich den Entschluss gefasst habe wirklich zu kündigen. Als ich so langsam aber immer sicherer wurde, dass ich unbedingt Freelancer werden möchte – komme was wolle – hat mir der Zufall ein paar Aufträge zukommen lassen. Ich wurde über Dribbble.com angeschrieben, weil jemandem meine Icons sehr gut gefallen haben, die ich dort aus einem älteren Projekt gezeigt habe und wollte, dass ich für ihn ebenfalls ein paar Icons im selben Stil erstelle und somit konnte ich mir etwas Geld dazuverdienen. Jetzt muss man sich die Frage stellen WANN man solche Nebenjobs denn ausführt. Die beste Möglichkeit ist wohl, wenn man nach der regulären Arbeitszeit noch Muße und Zeit hat. Oder eventuell mal ein paar Wochenenden draufgehen lässt.

Falls man diese Möglichkeiten leider nicht hat, kann man die wohl riskanteste und moralisch verwerfliche Variante wählen und während der Zeit, die man noch bei seinem aktuellen Arbeitgeber sitzt, diese Nebenjobs ausführen. Da muss man aber natürlich sehr vorsichtig vorgehen, damit man nicht erwischt wird (fristlose Kündigung und so) und muss diese Vorgehensweise mit seinem Gewissen ausmachen. Ich empfehle eindeutig nach der normalen Arbeit die Nebenjobs zu machen, denn der Stressfaktor beim heimlichen Arbeiten ist extrem hoch und es ist einfach unfair dem Arbeitgeber gegenüber.

Nebenjobs sind unverzichtbar!

Wichtig ist auf jeden Fall, DASS man solche Nebenjobs macht, bevor man sich in die Freiberuflichkeit stürzt. Man hat zwei wichtige Vorteile dadurch:

1. Man kann sich einen finanziellen Puffer aufbauen, den man auf jeden Fall haben sollte. Ein bis zwei Monatsgehälter sollte man schon übrig haben, damit man nicht sofort aufgeben muss, wenn in der ersten Zeit der Freiberuflichkeit nicht viel los ist. Je mehr, desto besser, natürlich.

2. Hat man somit eventuell schon ein paar Kunden gewonnen, die einem treu bleiben und man bekommt durch diese Kunden eventuell noch weitere Kunden. Empfehlungen sind wichtiger als jede Werbekampagne, wirst du noch feststellen.

Bei mir lief dieser erste Nebenjob mit den Icons sehr gut. Denn als ich die Icons fertig hatte, wollte der selbe Kunde, dass ich eine ganze Website redesigne und viele weitere Sachen. Dieser Kunde hat mich anderen Firmen empfohlen und so konnte ich, bevor ich mit dem Freelancing wirklich angefangen hatte, einen Puffer aufbauen, der mich im Zweifelsfalle einen Monat über Wasser halten konnte.  Da ich noch keinen guten Rechner zum Arbeiten hatte, konnte ich mir auch noch ein neues MacBook Pro leisten und habe ganz nebenbei Kunden akquiriert, die mir bis heute treu geblieben sind.

Dem Glück etwas nachhfelfen

Natürlich hat nicht jeder das Glück, dass er zufällig auf Dribbble angeschrieben wird und sich daraus eine Kooperation für’s Leben entwickelt. Falls du dieses Glück nicht hast, helfe dem Glück etwas nach und suche selbstständig nach Nebenjobs, um dir den finanziellen Puffer und eventuelle letzte Anschaffungen leisten zu können. Vielleicht hat auch dein Noch-Arbeitgeber Interesse dich in Zukunft auf freiberuflicher Ebene zu beschäftigen? Frag einfach mal nach!

Falls möglich, kannst du mit den bereits gewonnen Kunden Projekte ausmachen, die exakt dann starten, wenn deine Freiberuflichkeit beginnt. So hast du nicht das blöde Gefühl im Nichts zu schweben, sondern bleibst beschäftigt und hast einen tollen Motivations-Schub am Anfang. Mir hat das zumindest sehr geholfen und ich hatte schnell das Gefühl angekommen zu sein.

Bürokratie und so.

Einen finanziellen Puffer aufbauen und Kunden suchen, ist natürlich nicht alles was man in der Zwischenzeit erledigen muss. Man muss sich um seine Krankenkasse und Sozialversicherungen kümmern. Bedeutet du solltest (sofern du Designer bist), in die Künstlersozialkasse (KSK) eintreten, was locker so um die 3 Monate dauern kann. Mit der Künstlersozialkasse hat man den Vorteil, dass man nur die Hälfte aller Krankenkassenbeiträge und Sozialabgaben selbst zahlen muss, die andere Hälfte wird von der KSK getilgt. Ziemlich praktisch, aber der Antrag ist die Hölle und dauert ewig. Nichts desto trotz, es lohnt sich. Eine genauere Anleitung was man alles beim Eintritt in die KSK beachten muss, kann ich nochmal in einem speziellen Artikel zusammenfassen, der sich nur um den bürokratischen Aspekt der Freiberuflichkeit dreht. Das sprengt hier jetzt den Rahmen.

Das Schlottern nach der Kündigung

Ab dem Zeitpunkt wo ich meine Festanstellung gekündigt habe, haben mir heftig die Knie geschlottert und das Schlottern hat erst aufgehört nachdem der erste Monat in der Freiberuflichkeit erfolgreich war. Ich hatte Kunden, ich hatte einen Puffer, ich hab alles geplant und trotzdem hab ich immer wieder tierische Panik gehabt und das ungefähr 4 Monate lang. Diese Panik ist gut, da bin ich mittlerweile fest von Überzeugt. Wenn man keine Angst hätte, dann läge das nur daran, dass man entweder nichts zu verlieren hat, oder man ist einfach etwas zu naiv.

Wenn dir nun also die Knie weich werden, nachdem du die Kündigung abgegeben hast, obwohl du vorher komplett von der Sache überzeugt und gut vorbereitet warst – Alles im Lot. Ich glaube es geht jedem so 🙂

 


Das war jetzt erstmal alles, was mir zu der etwas stressigen Übergangszeit eingefallen ist. Falls du noch die ein oder andere Frage hast, oder ich vielleicht in diesem ewigen Text einen Aspekt vergessen habe, der dir aber sehr wichtig erscheint, schreib mir einfach ne Mail an mail@chrislueders.de

Ich hoffe ihr hattet Spaß beim Lesen und freue mich auf euer Feedback.

Liebe Grüße,
Chris

 

 

Chris

UX Design Freelancer aus Berlin. Nie müde Projekte und Experimente nebenher zu betreiben. Ehemann, Vater und überzeugter Pflanzenfresser.